Die Achte Sonne – Kapitel 1: Sol
„Iiih!“
Das Geräusch lässt mich zur Fensterfront blicken. Hitzeflimmern liegt in der Luft, begleitet von unterschwelligem Surren. In der Nacht vor Aufgang der Achten Sonne wird es nie dunkel. Stattdessen herrscht ein Licht zwischen düsterem Orange und schmutzigem Gelb.
Ich recke die Nase in die Höhe und schnuppere. Meine Schnurrhaare erzittern. Wo kommt der pudrige Duft her?
„Iiih!“, erklingt es wieder und jetzt lasse ich das Werkzeug fallen und rapple mich auf. Keine Gewitterwolken, nicht mal eine einzige, schwarze Donnerqualle zappelt am Turmfenster vor… – was ist das?
Sonnenfarbene Lichter tanzen vor den Fenstern, umspielt von purpurnen Flammen. Staunend beuge ich mich hinaus und rieche den Duft von Blütenstaub. Bei näherer Betrachtung erkenne ich einen Schwarm Falter. Einer ihrer Flügel wirkt groß genug, um mich dreimal zu ummanteln und während sie ihre majestätischen Schläge vollführen, rieseln Partikel wie aus purem Gold herab. Fasziniert strecke ich die Hände aus, gerate ins Wanken und der karge Fels am Fuße des Turmes nähert sich tödlich. Rechtzeitig kralle ich mich in den Fensterrahmen und lehne mich nach Luft schnappend zurück. Shaaraz hat mir über die unzähligen Gefahren draußen erzählt, so auch von diesen täuschend bezaubernden Geschöpfen, denen Menschartige bis ins Verderben folgen. Um ein Haar wäre ich ein Opfer der Irrlicht-Motten geworden.
Nochmal riskiere ich einen Blick hinab, diesmal vorsichtig. Unten erkenne ich Vögel, die ein totes Tier verzehren. Nach Untergang der letzten Achten Sonne lag es da und mich gruselt es beim Hinsehen, sodass mein Blick rasch den Berg hinunter gleitet. Andere, schraubenförmige Türme bohren sich dort in die Luft. Shaaraz hat erzählt, sie fangen die Spektralgie der Blitze der Donnersteppe und verwandeln sie in Strom für das Plateau. Obwohl die Stadt im Tal längst verlassen ist, funktionierten die Blitzfängertürme. Ansonsten säße ich während der vier Strahltage der Achten Sonne im Dunkeln, wenn alle Fenster abgedichtet sind. Die Ruinenstadt Wirbelturm, gleichnamig wie mein Turmgefängnis, zeichnet sich durch flache, keilförmige Häuser aus, die sich kaum von der öden Bräune der Donnersteppe abheben.
Der Wirbelturm thront über allem wie ein steinerner Wächter. Als Leuchtturm markiert er die Grenze des Plateaus. Des Nachts strahlt das Licht über meinem Zimmer in die Ferne. Im Süden in die Donnersteppe und im Norden …
Langsam drehe ich mich herum, spähe zur gegenüber liegenden Fensterfront. Es ist unangenehm, in die Nebelwand dort zu schauen. Ein Druck legt sich auf die Augen und weiße Flecken zeichnen sich ab, als würde man erblinden. Ich erinnere mich, wie ich Shaaraz fragte, ob sie zu lange dorthin geschaut hat und deshalb erblindet ist. Sie hat verneint. Trotzdem habe ich mir angewöhnt, die Seite des Turms zu ignorieren.
Mit einem Mal stelle ich fest, dass mir unsäglich heiß ist und ich schwitze. Rasch gucke ich auf das Solarchron an meinem Handgelenk. Das Leuchten des Bandes blendet nicht, also bleibt Zeit bis Aufgang der Achten Sonne. Aber sicher ist sicher! Hüpfend begebe ich mich auf die andere Seite des Turmzimmers, wo ein Hebel in die Mauer eingelassen ist. Ich drücke ihn ächzend runter und mit lautem Brummen stülpt sich Schattenglas über die Fenster und schirmt die tödlichen Strahlen der ab. Ein schwerer Seufzer entkommt mir und ich verbeuge mich vor der Außenwelt. Tschüss, Tageslicht. Wir sehen uns in vier Tagen.
„Iih…!“
Meine Ohren zucken. Was war das?
„Iiiiiiiih!“, dringt es herein. Ein eigenartiges Geräusch, das sich weder als Pfeifen noch als Quietschen einordnen lässt.
Rasch drücke ich den Hebel, das Brummen verstummt und das Schattenglas stoppt auf halber Höhe der Fensterfront.
Nochmal und diesmal vorsichtiger, strecke ich den Kopf raus. Unter dem Fenster, von der Turmmauer aus, starren mich Facettenaugen an. Eine faustgroße Raupe schiebt sich wellenförmig über die Unebenheiten der Wand. Als sie mich entdeckt, rollt sie sich erschrocken zusammen.
„He, du!“, grüße ich. „Gehörst du zu den Motten?“
Prüfend streckt die Raupe den Kopf hoch.
„Sie sind schon so weit weg, dass sie kein Katzenjammern hören würden. Komm lieber rein, die Achte Sonne geht bald auf“, ich winke einladend, doch sie starrt mich an, als wäre ich die größere Bedrohung. Mein Blick fällt wieder auf das Skelett am Fuße des Turmes, dabei kommt mir eine Idee und ich frage: „Willst du so enden, wie das Wesen dort unten? Oder herein, wo du in Sicherheit bist?“
Das Tier reagiert nicht.
„Ich teile auch meinen Honig mit dir“, füge ich hinzu.
Unerwartet sprüht die Raupe einen silbernen Faden hoch und trifft meine Finger, wo er festklebt. Wie einen Fisch an der Angel ziehe ich sie daran hoch. Als sie vor mir schwebt, bemerke ich, dass in ihrem braunen Leib ein Licht pulsiert.
„Du hast ein Spektralstück gefangen“, hauche ich erstaunt und prompt zerbeißt die Raupe den Faden, landet auf den Dielen und flitzt unters Bett wie ein Aufziehspielzeug.
Ich streiche ein paar lose Strähnen zwischen den Spitzohren zurück, bevor ich mich hinlege, um nachzugucken. Hinten an der Mauer kauert das Krabbeltier.
„Hab keine Angst. Ich will das Spektralstück nicht. Schließlich hab ich selbst eins, schau.“
Ich konzentriere mich und prompt dringt Licht aus meinen rotbraun behaarten Armen. Mit glitzernden Augen kriecht die Raupe näher.
„Wie du siehst, kann ich Licht erzeugen, aber nicht immer im Guten. Vorhin hab ich aus Versehen ein Loch in meine Trainings-Kabine gebrannt und ein Kabel beschädigt“, mein Blick fliegt zu dem kastenartigen Gebilde auf der anderen Seite des kreisrunden Turmzimmers. Durch einen Raum, den die Kabine simuliert, kann man seine Spektralgie trainieren und kontrollieren lernen. Schon komisch, dass ich sie ausgerechnet mit Spektralgie beschädigt habe…
Mein Blick ist finster geworden, wie ich feststelle, denn als mich etwas am Arm streicht und ich die Raupe dort entdecke, entspannen sich meine Gesichtsmuskeln wieder.
„Hab ich dich!“, ich schnappe sie am Hinterteil, ehe sie sich zurück unters Bett verzupfen kann. Dafür bekomme ich Klebefäden ins Gesicht geschossen.
„Äh!“, mache ich und ziehe an der elastischen Substanz, die so fest klebt, als würde ich mir gleich Fell und Haut damit abziehen. Darum lasse ich es sein und entscheide, es später mit Wasser und Seife zu probieren. Derweilen widme ich mich der Raupe in meinen Händen.
„Ich will dein Spektralstück wirklich nicht.“
„Iih?“
„Ich weiß nicht viel, aber was ich weiß, ist, dass es für Leute – äh, Wesen wie dich mies ausgeht, wenn man ihnen ein Spektralstück wegnimmt, das beinahe so groß ist, wie sie selbst. Dein Körper ist mit ihm eins geworden. Es würde dich umbringen.“
„Iih!“, quietscht die Raupe.
Ich seufze: „Ich verstehe auch nicht, was so toll an diesen Splittern sein soll, aber Shaaraz sagt immer, dass die Außenwelt verrückt danach ist. Deshalb ist es für mich auch gefährlich, allein rauszugehen… überhaupt rauszugehen. Ach, egal, was ich sagen will: das Stück, das ich hab, hilft mir nicht wirklich. Trotzdem bricht meine Spektralgie unkontrolliert aus und das bloß, wenn ich nicht aufpasse. Die wenigen Dinge, die ich habe, weisen mehr Löcher auf als Käse. Schau!“
Ich zeige auf die zu weiten, löchrigen Hosen. Damit sie nicht runterrutschen, habe ich Hosenträger gebastelt, von denen einer schon hinüber ist und runter hängt. Damit ist er so sinnlos geworden, wie mein Leben hier drin. Das unförmige Oberteil ist noch furchtbarer, doch das Schlimmste an dem Ganzen ist –
„Ich rede mit einer Raupe, als wäre das normal! Langsam werde ich verrückt!“, stoße ich heraus.
„Ih!“, macht die Raupe finster.
Stöhnend trage ich sie zum Bett und setze sie auf der flauschigen Decke ab.
„Entschuldige, das war gemein. Versteh mich nicht falsch. Ich bin überglücklich, dass du da bist. Shaaraz ist nicht die geselligste Person und bis auf sie, habe ich mit keinem gesprochen, seit…“, ich verstumme und ziehe an den Hosenträgern. Als täte ich es das erste Mal, schaue ich mich im Turmzimmer um. Es befindet sich alles zum Leben hier, sogar ein kleines Bad und eine Küchennische.
Schnell verdränge ich den nächsten Gedanken und sage: „Ich habe die Irrlicht-Motten vorbeifliegen sehen. Du gehörst doch zu ihnen?“
„Iih!“, stimmt das Wesen sichtlich niedergeschlagen zu.
„Aber sie kommen zurück, ja?“
Jetzt lässt es den Kopf so weit hängen, dass es fast vornüber kippt.
Einem Impuls folgend nehme ich das Tier wieder in die Hände. „Glaube mir, ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man weit weg von Zuhause ist. Stell dir vor, ich habe mich erst vor kurzem erinn…“
Meine empfindlichen Ohren melden ein neues Geräusch im Gebäude. Ich drehe mich zur Tür im Boden, die durch eine gläserne Klappe verschlossen ist. Zumindest wirkt es wie Glas, doch das Material ist gegen Spektralgie immun, damit ich nicht ausbrechen kann. Ich habe es schon versucht.
Dumpf klingt das Quietschen herauf. Metallfüße schaben über Steinstufen. Obwohl die Bodentür noch versiegelt ist, glaube ich, Shaaraz‘ Geruch zu vernehmen. Ledern und rostig.
„Versteck dich da drin“, ich stopfe die Irrlicht-Raupe in mein weites Hemd. „Und mach keinen Mucks! Sie ist blind, aber hört verdammt gut!“
Gehetzt springe ich zum Fenster, um es zuzuschieben, da surrt in letzter Sekunde ein weiteres Insekt herein. Ein bunter Leuchtkäfer, der durchs Turmzimmer schwirrt, um auf der anderen Seite rauszufliegen, doch er klackt gegen Glas. Innerlich fluche ich, äußerlich fuchtle ich lautlos herum, um ihn einzufangen. Es gelingt mir, ihn in der Hand einzuschließen, aber dabei stolpere ich über meinen Zopf und stoße mir die Zehen am Tischbein.
Die Bodenklappe hebt sich und ich unterdrücke einen Schmerzenslaut. Schnell setze ich mich an den Tisch und beuge mich über ein Buch. Übertrieben raschle ich mit einer Seite, um das verzweifelte Summen des Leuchtkäfers in meiner Hand zu übertönen.
Ich höre Shaaraz über die Dielen näherkommen. Es klingt, als klopfe man rhythmisch mit einem Stock darauf.
„Guten Morgen, Vögelchen, du bist früh wach. Hast du wieder die ganze Nacht nicht geschlafen?“, sagt sie, glatt wie ein Stein im Eiswasser.
„Hallo, Shaaraz“, antworte ich ungezwungen. „Nein, ich bin gerade aufgestanden.“
„Ich merke es, wenn du lügst“, sagt sie prompt. „Stimmt etwas nicht?“
„A-alles bestens!“, ich hebe den Kopf.
Shaaraz steht nah bei mir, das metallisch schimmernde Kinn herabgeneigt. Durch ihre verspiegelte Brille sind ihre Augen nicht erkennbar, stattdessen sehe ich mein eigenes, braun schimmerndes Gesicht mit den groß geratenen Augen.
„Wie ich hörte, hast du ein Buch vor dir liegen. Was liest du gerade?“, fragt sie.
„Ein Lehrbuch über Tierartige. Bin gerade beim Sternkönig angekommen.“
„Das düsterste Wesen unseres Plateaus“, stellt sie ohne Gefühlsregung fest. „Was kannst du mir darüber sagen?“
„Sie saugen Energie von anderen Wesen, bis eine leblose Hülle bleibt. Weil sie die Aura ihres ausgewählten Opfers lesen können, wie ein Buch, verwenden sie spezielle Erscheinungen und Geräusche, um sie in die Falle locken.“
„Du hast vorgelesen“, sagt sie tonlos.
„Ja, das stimmt! Weil ich Theorie nicht kann! Lass mich in der Praxis beweisen, dass ich bereit bin! Ich will meine Spektralgie richtig einsetzen!“
Ein Surren erklingt, aber von keinem Insekt. Es ist anders. Gleichmäßig. Bedrohlich. Ich weiß von wo es kommt, meide aber, hinzugucken.
Shaaraz sagt tonlos: „Wenn ich sicher bin, dass du dich verteidigen kannst, lasse ich dich raus.“
„Das sagst du seit zehn, nein elf, Jahren! Ich will in die Sonne! Ich will Tierartige berühren und Grashalme unter den Füßen spüren! Aber vor allem… will ich heim!“
„Heim?“, fragt Shaaraz und das Surren verstärkt sich. „Wovon sprichst du da, Vögelchen?“
Ich schlucke zunächst unsicher, ob ich weitersprechen soll. Dann entscheide ich mich dafür, das zu sagen, was sich wie die Wahrheit anfühlt: „Von dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Ich kann mich wieder an die gelben Vielfraßen erinnern! Blumen, mannshoch, rund um das ganze Dorf! Und sie machen Musik!“
„Du kannst nicht an diesen Ort“, sagt Shaaraz bloß.
„Wieso nicht?“
Sie schweigt. Wie jedes Mal, wenn ich ihr Fragen über meine Vergangenheit stelle. Aber neulich, ja neulich habe ich mich an etwas erinnert! Auch jetzt schmecke ich die Sonne. Rieche die Blumen, süßschwer in der Hitze, höre Lachen und das Zwitschern von einem…
„Vögelchen“, schneidet Shaaraz mich aus dem Gedankenpudding. „Ich habe Vorräte für die nächsten Sonnenfolgen mitgebracht. Honig ist auch dabei.“
Die Irrlicht-Raupe regt sich unterm Hemd. Ich bekomme nur nebenbei mit, wie Shaaraz auf ihren Metallbeinen zur Küchennische stakst. Dort deponiert sie ihre Mitbringsel.
Ich kann es nicht länger ertragen, wie sie mir den Rücken zudreht, als wäre nichts. Mich ignoriert!
„Sonnewig“, schnaufe ich.
Das unterschwellige Surren wird noch lauter, meine Ohren legen sich nieder. Mit der einen Hand zerquetsche ich fast den Leuchtkäfer, weil ich ahne, dass es gleich hässlich wird. Aber ich kann nicht anders.
„So heißt das Dorf, wo ich herkomme, oder?“
„Ja, so heißt es“, ihre Stimme klingt holprig. Selten habe ich Shaaraz so roboterhaft wahrgenommen. Die behandschuhten Hände ballen sich zu Fäusten.
Ich springe auf, weil ich meine Chance wittere. „Warum bin ich hier, Shaaraz? Was verbindet uns miteinander? Es muss doch etwas passiert sein. Gab es Probleme mit dem Spektralstück in meinem Körper? Wollten meine Eltern, dass du mich herbringst? H-habe ich denn noch Eltern?“
Shaaraz antwortet nicht. Sie steht nur steif da, den Rücken zu mir.
„Sag doch etwas, bitte“, ich mache einen Schritt auf sie zu. Sie hört nicht und daher rufe ich: „Shaaraz!“
„Sei still!“, Shaaraz schlägt ihre Hände auf den Helm, als wolle sie ihre Ohren zuhalten. So habe ich sie noch nie gesehen. Gewöhnlich bleibt sie kühl und sachlich. Sie ruckt zu mir herum. Gleichzeitig vernehme ich das bedrohliche Knistern in der Luft, das das Surren ablöst. Endlich wage ich einen Blick zu Shaaraz‘ Schweif. Ein schwarzer Strang, endend in einem leuchtenden Blitz, mit dem sie ihre Spektralgie steuert. Ich glaube schon, dass sie mich gleich angreift, da senkt sie ihn, doch ihre Stimme ist elektrisierend: „Erst wenn du funktionierst wie ich es für richtig halte –“
„Funktionieren?“, fahre ich dazwischen. „Du sprichst von mir, als wäre ich ein…“
„Robeat?“, fragt Shaaraz.
„Ja! Ich bin keine Maschine und stecke alles eiskalt weg!“
„Robeats haben Gefühle“, erwidert Shaaraz. „Nicht umsonst nennt man uns Roboter mit Herzschlag. Doch das spielt keine Rolle. Wir leben, um zu dienen. Ich beschütze dich.“
„Das ist mir egal! Lieber wäre ich jemand anderes, als ständig von dir beschützt werden zu müssen!“
„Neid macht blind“, antwortet Shaaraz. „Sei glücklich darüber, wer du bist, Vögelchen.“
„Bin ich aber nicht!“, breche ich hervor. Gleichzeitig öffne ich automatisch die Hände und der Leuchtkäfer entkommt. Entsetzt will ich ihn fangen, doch zu spät. Er fliegt ausgerechnet zu Shaaraz, stößt benommen gegen ihre Helmbrille. Ihr Schweif zuckt nach dem Käfer, doch der kommt gerade so davon.
„Du hast dich wieder aus dem Fenster gelehnt“, stellt sie fest, während der Leuchtkäfer erneut seine Runden im Turmzimmer dreht.
„Ja“, gebe ich leise aber keineswegs kleinlaut zu.
„Du weißt, wie gefährlich das ist!“
„Wie so viele andere Dinge da draußen! Wenn ich nicht mal das darf, lässt du mich dann überhaupt irgendwann raus?“
Prompt wird es still, bis auf das Surren von Shaaraz‘ Schweif. Erst nach Sekunden sagt sie so glatt wie eh und jeh: „Vögelchen, du musst mir vertrauen. Ich bin deine Freundin.“
„Freunde sperren einander nicht ein. Und belügen sich nicht. Du behauptest, dass du immer die Wahrheit sagst, aber das tust du nicht“, sage ich leise, doch anklagend.
„Vögelchen“, flüstert Shaaraz warnend. Unter ihrer metallischen Haut zeichnen sich Fasern ab, ihre anliegende Kleidung spannt sich. Erneut spiegle ich mich in der Helmbrille. Diesmal sind meine gelben Augen geweitet. Aus Angst, gleich Shaaraz‘ Spektralgie zu spüren zu bekommen, lasse ich mich auf den Stuhl fallen.
Shaaraz wendet sich ab und stakst Richtung Bodenklappe. „Wenn ich spreche, spreche ich stets die Wahrheit. Doch du bist nicht bereit. Nicht solange du dich bloß an den Namen dieses Dorfes erinnerst, Vö…“
„Nenn mich nicht Vögelchen, mein Name ist Solis!“, prompt stehe ich wieder. Im Turmzimmer wird es taghell. Es fühlt sich an, als stünde ich in heißem Wasser, die nackten Katzentatzen scheinen sich in flüssiges Licht zu verwandeln. Gestank nach Brand breitet sich aus.
Shaaraz fährt zu mir herum, sie hebt die Hand und ich erschrecke. Aus meinem Auge dringt eine Lichtkugel, schießt auf sie zu. Ihr Blitzschweif peitscht. Funken sprühen, ich schließe geblendet die Augen, es brutzelt, dann wird es dunkel. Als ich blinzle, sehe ich die goldene Energiebarriere, die Shaaraz umgibt. So stehen wir einige Sekunden da. Der Leuchtkäfer prallt wieder gegen ein Fenster. Ich keuche, presse die Lippen zu. Meine Haut verdunkelt sich, die Füße nehmen ihre gewohnte Form an.
Bis ich mich zu einem Lächeln durchringe und meine: „Ja, ich erinnere mich wieder, wie ich wirklich heiße. Nenn mich Sol.“
Shaaraz‘ Mund bleibt ein Strich. Mein Lächeln verfliegt.
Da geht ein Ruck durch Shaaraz. „Die Achte Sonne geht gleich auf.“
Sie betätigt den Hebel für den Sonnenschutz, sodass das Schattenglas weiter sinkt. Dann überbrückt sie die letzten Schritte zur Bodenklappe.
„Dieses Mal werden wir uns länger nicht sehen.“
„W-was? Wie lange?“, rufe ich.
„Bis später, Vögelchen“, bleibt ihre kühle Antwort und die Klappe schnappt hinter ihr zu. Gleich darauf schlägt der Leuchtkäfer auf der geschlossenen Tür im Boden auf und verglüht zischend im letzten Lichtstreif. Dann wird es finster.
***
Zur Inhaltsangabe des scienceFANTASY Romans: „Die Achte Sonne“
Beschreibung der Welt: Das Gelbe Plateau
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